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Soll man die Olympischen Spiele boykottieren? May 28 2008

Beitrag von freier Mitarbeiter freier Mitarbeiter | Artikel drucken

Stell Dir vor, es sind Olympische Spiele, und keiner geht hin. So hätten es die Chinakritiker und die tibetischen Freiheitskämpfer am Liebsten. Doch der politische Erfolg eines Olympiaboykotts ist sehr fragwürdig. Wir durften bereits vor knapp 30 Jahren einen solchen Boykott erleben. Damals wurde mit der Ächtung der Protest gegen Russlands Krieg in Afghanistan zum Ausdruck gebracht. Die Spiele in Moskau 1980 fanden ohne die westlichen Bündnispartner statt - geholfen hat es aber nicht. Der Krieg in Afghanistan ging unvermindert weiter. Es ist also eine Chimäre, dass politische Entscheidungen mit öffentlichem Druck bei Sportveranstaltungen auch nur Ansatzweise beeinflusst werden könnten. Die Medien wollen uns das gerne Glauben machen, denn es wäre ja auch zu schön, wenn China in seiner Tibetpolitik einlenken würde. Doch die chinesischen Interessen lassen sich nicht so einfach lenken. Das Reich der Mitte befindet sich derzeit im Umbruch und legt jeden Tag einen erneuten Spagat zwischen Absolutismus und Liberalismus hin. Da sich China nach und nach zum Kapitalismus bekennt, muss die chinesische Regierung versuchen, zumindest politisch die Oberhand zu behalten. Und so wird sich auch in naher Zukunft keine Lösung für Tibet finden lassen. Angesichts der Tatsache, dass Tibet bereits seit vielen Jahren für stärkere Rechte und Freiheit kämpft, stellt sich die Frage, warum sich gerade jetzt etwas ändern sollte?

 Der Konflikt um Tibet

 Mit dem Sturz der Qing-Dynastie erlangte Tibet im Jahr 1911 erneut seine Unabhängigkeit. Diese wurde dem Land mit dem Einmarsch der Volksbefreiungsarmee von Mao Zedong aber wieder genommen. Das tibetische Oberhaupt, der 14. Dalai Lama, floh im Jahre 1959 mit hunderttausenden Anhängern aus Tibet, nachdem ein Volksaufstand durch die chinesische Armee blutig niedergeschlagen wurde. Seitdem steht Tibet wieder unter chinesischer Herrschaft. Mit der Kulturrevolution in den 60-iger Jahren begann der Kampf der Tibeter um freie Religionsausübung und Meinungsfreiheit. Der Dalai Lama regiert seit seiner Flucht aus dem indischen Exil. Im Frühjahr dieses Jahres wurde eine Demonstration von Tibetern brutal niedergeschlagen, und die Situation eskalierte. Brennende Häuser, der Einmarsch der Armee und die Ausweisung von internationalen Journalisten waren die Folge.

 Aufruf zum Boykott

 Seitdem stehen der chinesische Umgang mit Tibet, mit Menschenrechten und der Pressefreiheit im Fokus der Weltöffentlichkeit. Der symbolstarke Fackellauf wurde für China zum Fiasko - immer wieder wurde die Olympische Fackel attackiert und erlosch ein ums andere Mal. Doch die chinesische Regierung blieb stoisch. Bisher konnte nur das folgenschwere Erdebeben in Zentralchina den Fackellauf stoppen. Menschenrechtsbewegungen, Politiker aber auch vereinzelte Sportler fordern seit der blutigen Niederschlagung der tibetischen Demonstrationen den Boykott der Olympischen Spiele. Doch wo waren diese Kritiker all die Jahre, in denen China das tibetische Volk unterdrückte und die buddhistischen Mönche verfolgte? Schon im Vorfeld der Olympiavorbereitungen rühmte sich das Reich der Mitte nicht gerade mit der Einhaltung international anerkannter Menschenrechte. Wohnungen in Peking wurden zwangsgeräumt und die internationale Presse in ihrer Arbeit behindert. Meinungsfreiheit gibt es in China schon seit langem nicht mehr. Wo waren all die Kritiker, als die Olympischen Spiele nach Peking vergeben wurden? Es mutet heuchlerisch an, wenn Gott und die Welt auf einmal die Political Correctness für sich entdeckt. Natürlich steht es außer Frage, dass der olympische Gedanke von China mit Füssen getreten wird. Der chinesischen Regierung anhand der olympischen Geschichte jetzt die Menschenrechte erklären zu wollen, kann aber nicht funktionieren. Dies sieht auch der Vorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach, so. Er ist gegen eine Politisierung des Sportes. Bundeskanzlerin Merkel springt auf das gleiche Pferd auf. Doch verfolgt sie mit ihrer Stellungnahme sicherlich andere Interessen. Da China eng mit der deutschen Wirtschaft verwoben ist, gilt es für die Kanzlerin, bloß keine Zerwürfnisse mit China hervorzurufen. Die Olympischen Spiele werden auf jeden Fall stattfinden, ohne oder mit Boykott. Die Öffnung Chinas, die Lösung des Tibetkonfliktes und die Einführung von Menschenrechten wird hingegen noch viel Zeit in Anspruch nehmen. Wer diese Zeit nicht abwarten will, kann eines tun: Den Fernseher ausschalten.

Autor: Torsten Drewes

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