Überall in Europa ist die Politik darum bemüht, die sozialen Sicherungssysteme auf ein gesundes, besseres Fundament zu stellen. Effektiv bedeutet dies oft Leistungskürzungen und Beitragserhöhungen. Die Anzahl der Menschen die durch die sozialen Sicherungsnetze fallen, nimmt ebenso zu, wie die Bereitschaft breiter, jüngerer Bevölkerungskreise, sozialen Sicherungsstrukturen weniger Wert und Aufmerksamkeit beizumessen. Das Ende der grossen Ideologien ist auch das Ende eines politisch verankerten Sozialgefühls.
Die globale Wirtschaft belohnt Länder mit schwachen sozialen Netzen und schlankem Staat. Tiefe Steuern und billige Arbeitskraft, gepaart mit hochmodernen Produktionsmethoden, machen auch dritte Welt Länder attraktiv für Investitionen. Bei gleichwertigem Technologielevel spielen die „sozialen Kosten“ eine nicht zu unterschätzende Rolle und zwingen Europa zu weiteren Reformen.
Solche Reformen sind schwer zu vermitteln und es verwundert deshalb nicht, dass konservative Kreise darum bemüht sind, diese Entwicklungen mit einer adäquaten Ideologie zu begründen. Jeder ist seines Glückes eigener Schmied, Eigenverantwortung, Vorsorge sind nur einige Vokabeln einer neuen und zugleich alten Politik. Die neue Richtung gipfelt in der Annahme, dass eine Person die durch die sozialen Netze gefallen ist, letztendlich eine Mitschuld für die eigene Situation trägt und dementsprechend nur ein beschränktes Mass an Mitgefühl und Hilfe verdient.
Die historische Erfahrung, dass ein Übermass an sozialer Gleichgültigkeit fatale Folgen für die Allgemeinheit haben kann, gerät in Vergessenheit.
Wer heute zu sozial argumentiert, gerät schnell in den Verdacht altmodisch zu sein oder gescheiterten Gesellschaftskonzepten nachzutrauern. Das ist schade.
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